Hey du,

im dritten Kapitel der Back-to-the-basics Reihe geht es heute um das zentrale Problem der Themenfindung. Ich möchte dir zwei Strategien vorstellen, mit denen ich mir Schreibthemen suche. Viel Spaß!

Inspiartion finden

Number One.

Wenn ich mich mit meinem Notizblock im Schoß und einem Stift in der Hand hinsetze, braucht es oft ein wenig Zeit, bis mit etwas einfällt, das ich aufschreiben könnte. Also fange ich an, in die Gegend zu starren. Und im Groben ist das auch schon mein erster Tipp an dich: Beziehe Inspiration aus deiner Umgebung. Das ist einer der Gründe, warum ich gerne an öffentlichen Orten schreibe. Die Geschichten umgeben einen geradezu, man muss sie nur hervorkitzeln. Ein Beispiel:

Ich sitze gerade im Bus. Etwa zwanzig Menschen sind um mich herum. Sie haben sich über den gesamten Bus verteilt. Nur wenige reden. Ein Mann mittleren Alters hält sich verkrampft an einer der gelben Stangen fest. Sein Gesicht wirkt finster. Ärgert er sich über die Fahrweise des Busfahrers? Oder hatte er schlichtweg einen schlechten Tag? Stell dir vor, was da gerade in seinem Kopf vor sich geht und schreib es dann einfach zusammenhangslos in dein Notizbuch. Du wirst merken, dass es unglaublich viel Spaß macht, sich Beschimpfungen auszudenken. Mir zumindest. Und manchmal entstehen dabei sogar ganz humorvolle Dinge. Menschen, die so richtig in Rage geraten, sind einfach zu herrlich.

Etwas weiter hinten und damit besser in meinem Sichtfeld sitzt eine ältere Dame. Vermutlich ist sie schon Rentnerin. Sie hat gelbe Haare. Oder so etwas in der Art. Also vermutlich sind sie grau, aber überfärbt. Es ist schwierig diese Farbgebung wirklich in Worte zu fassen. Denn es ist auch nicht richtig weiß, obwohl es das wohl sein soll. Beige? Cremeweiß? Nein, viel eher sieht es so aus als hätte sie ein Ei auf ihrem Kopf zerschlagen und Eigelb und Eiweiß hätten sich dabei zum Teil vermischt. Die Frau mit den Eierhaaren hält eine teure, braune Tasche auf ihrem Schoß. Hat sie sie sich selbst gekauft, obwohl der Rest von ihr bei Weitem nicht so gepflegt und hochwertig aussieht? Was könnte es mit der Tasche deiner Meinung auf sich haben?

Ein Mann neben mir schielt schon seit einer Weile in mein Notizbuch. Auch er ist bestimmt schon seit einiger Zeit in Rente und geht seinen Angelegenheiten nun nur noch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nach. Kann man mal sehen, zu was für Rentnerzeiten ich so Bus fahre…

Ob der ältere Herr wohl schon entziffert hat, worum es hier geht? Wenn ja, würde ich das übertrieben lustig finden. Ich mag Menschen, die neugierig sind. Vielleicht nicht unbedingt, wenn es meinen privaten Kram angeht, so wie jetzt gerade, aber im Allgemeinen. Neugierde ist auf jeden Fall auch eine der wichtigsten Fähigkeiten, die man als Schreiber braucht. Wen nicht interessiert, was in der Welt vor sich geht, der kann sie auch nicht einfangen. Und wenn du jetzt argumentierst, dass man ja auch über Universen oder nicht existente Wesen schreiben kann, musst du mir doch zugestehen, festzuhalten, dass alle auch noch so abstrakte Fantasie ihren Ursprung in der realen Welt findet. Ein Funke, eine kleine Begebenheit im Leben des Autors können zu den schönsten und entferntesten Ideen führen. In dem, was du beobachtest, was dich fasziniert, liegt vielleicht lediglich dein Grundgerüst. Du kannst sie erweitern, verzerren oder auf das wesentliche reduzieren, doch letztendlich liegt in deiner Wahrnehmung der erste Schritt zu einer guten Geschichte. Es lohnt sich also, den Blick zu schärfen. Lerne die Welt auf deine eigene Weise kennen. Denn das ist ein weiterer wichtiger Punkt. Halte das, was du siehst, mit deinen eigenen Worten fest und selbst wenn dir nicht sofort eine Geschichte dazu einfällt, wirst du merken, dass deine Sicht auf die Dinge und deine Worte, diese für alle zugängliche Realität schon individuell machen. Hätte jemand anders die Frau mit den Eierhaaren vielleicht nur als hässlich beschrieben? Der Teufel liegt im Detail. Umso näher du etwas beschreibst, umso bildhafter wird das Geschriebene.

Eben gesteht mir der alte Herr, dass er es toll fände, dass ich zwischen dem ganzen Trubel im Bus die Ruhe zum Schreiben hätte. Und überhaupt, dass ich noch per Hand schreibe, sei bemerkenswert. Das sei ja heutzutage schließlich äußert selten. Dann wünscht er mir noch einen schönen Tag und steigt aus. Sympathischer alter Mann! Hoffentlich begegnet ihr ihm irgendwann noch einmal in einer meinen Geschichten.

Wenn euch interessiert, wie so ein Text aussehen kann, der nicht nur entfernt von der Realität inspiriert ist, sondern direkt aus der Situation gegriffen, dann schreibt das doch mal in die Kommentare. Ich habe nämlich letztens skizzenhaft eine sehr schöne Szene festgehalten, bin mir aber noch nicht sicher, ob ich daran weiter arbeiten werde.

inspiration 2

Number Two.

Nicht immer können oder wollen wir die Ideen aus unserer Umgebung beziehen. Ganz oft schreibe ich in den Momenten, in denen es mir gänzlich egal ist, was da so alles um mich herum passiert. Es ist dann an der Zeit, einer anderen wichtigen Komponente Gehör zu schenken: Und zwar deinen Empfindungen. Wenn die Außenwelt nicht ausreicht, um deine kreative Ader zu stimulieren, kannst du deine Aufmerksamkeit immer noch nach innen richten. Was fühlst du? Jetzt gerade in diesem Moment. Ist es vielleicht nur Hunger? Dann überleg dir doch, was du jetzt alles anstellen würdest, um etwas Essbares zu bekommen 😉 Oder bedrückt dich etwas ernsteres? Ich bin zum Beispiel ziemlich oft in Schreiblaune, wenn es mir nicht so gut geht. Sich auf kreative Weise mit seinen Problemen auseinander zu setzen, wirkt befreiend. Es hilft das ganze Grübeln loszuwerden.  Wenn man hier neben dem psychologischen Aspekt aus seinen Gefühlen aber tatsächlich ästhetische Texte kristalisieren will, reicht es leider nicht nur, seine Wahrnehmung zu dokumentieren. Leg diese Oberflächlichkeit ab und versuche, etwas tiefer einzudringen. Ein kleines Beispiel:

Anstatt dem Satz „Ich habe Angst, ihn zu verlieren.“  – was ja an sich schon mal relativ reflektiert, aber nicht umbedingt sonderlich poetisch ist – könntest du schreiben: „Der bloße Gedanke, ihn zu verlieren, schnürt mir die Kehle zu.“ Gleich wird die Empfindung viel atmosphärischer. Du darfst dich auch gerne noch mehr hineinsteigern und hinzufügen: „Während ich noch verzweifelt versuche, Halt zu fassen, gibt der Boden unter meinen Füßen vollends nach.“  Gut, das ist jetzt vermutlich doch ein bisschen fett aufgetragen. Geschmackssache.

Um ehrlich zu sein, entstehen bei mir mit dieser Methode hauptsächlich Gedichte. Ich finde, Gedichte sind oftmals an sich schon viel atmosphärischer. Es kommt nicht so sehr auf den Inhalt an, sondern wesentlich mehr auf das Gefühl, das überliefert wird. Für das eben angeführte Beispiel könnte das so aussehen:

Kälte. Nackt bis auf die Haut.
Finsternis zwischen dir und mir.
erdrückende Stille auf deinen Lippen
und ein zerrissener Blick.

Das mag jetzt sicherlich kein Meisterwerk sein, aber ich hoffe mein aus dem Ärmel geschütteltes Gedicht, verdeutlicht trotzdem den Ansatz. Ein Beispiel für ein vor einiger Zeit entstandenes und hoffentlich besseres Gedicht, das aus einer intensiven Gefühlslage heraus entstanden ist, findet ihr hier.

In den meisten Fällen und das wird euch bestimmt auch so gehen, kommt im Ideenfindungsprozess eine Mischung aus beiden Strategien zum Einsatz. Wenn ihr Lust habt, könnt ihr euch ja mal die anderen kreativen Texte in unserer Rubrik Poesie durchlesen und raten, was den Ausschlag für das Ein oder Andere gegeben hat. Viel Spaß dabei.

Und ansonsten freue ich mich natürlich über Feedback und bin auch super gespannt darauf zu erfahren, was euch eigentlich bei der Themenfindung eurer Texte so hilft.

Bis zum nächsten Mal wünsche ich wie immer: Gutes Gelingen!

PS: Verzeihung, dass es diesmal so lang geworden ist 😀