Hallo du,

beim letzten Mal ging‘s darum, sich richtig aufs kreative Schreiben vorzubereiten. Aber was tun, wenn sich trotz der eingeräumten Zeit, des Lieblingsortes und vielleicht noch der extra gekochten heißen Schokolade, der Schreibfluss nicht so richtig  verselbstständigen will?

Heute möchte ich vier Warm-Up Übungen vorstellen, die helfen sollen, dich und deinen inneren Poeten ein bisschen aufzulockern und wachzurütteln. Auf geht’s!

Number One.

Eine Idee, die ich selbst bei einem Schreibworkshop kennengelernt habe und unglaublich hilfreich fand, ist eine Anti-Perfektions-Übung. Bist du auch dein allergrößter Kritiker? Ich zumindest scheitere ständig an meinen eigenen Ansprüchen und pessimistischen Ansichten. Man legt jedes Wort auf die Goldwaage, dreht und wendet die Gedanken im Kopf bis sie endlich eine doch nur halbwegs zufriedenstellende Reihenfolge erhalten. Das kostet Zeit und vor allem Nerven! Probier doch einfach mal, etwas abgrundtief Schlechtes zu schreiben! Es darf ganz schrecklich sein, grotesk, unlogisch oder überhaupt nicht komisch. Ganz egal. Einfach drauf los geschrieben. Wer den schlechtesten Text schreibt, hat quasi gewonnen. Natürlich geht das auch ohne Mitstreiter. Und das Schönste ist, dass immer ein positives Ergebnis dabei rauskommt. Entweder schreibst du einen ganz hervorragend schrecklichen Text und kannst damit mehr als zufrieden sein, da die Übung gelungen abgehakt werden kann oder du stellst fest, dass du gar nicht in der Lage bist, etwas wirklich Schlechtes zu schreiben und kannst in Zukunft viel entspannter an deinen Schreibprozess herantreten.

Ein Beispiel [, was du gerne kritisieren und von oben bis unten besser bzw. schlechter machen darfst]: Ein Regentag. Dürre, blassblaue Fäden rieseln auf den grauschwarzen, schlammigen und vor Erbärmlichkeit triefenden Sandboden. Paul geht zum Spielplatz. Was ihn dort erwarten wird, weiß er noch nicht. Ihn stört das fröhliche Nass nicht sonderlich. Er vergräbt die nackten Füße im Sand und streckt das Gesicht in die Luft. Blub. Blub. Blub, macht es und der Boden tut sich auf. „Was soll das?“, denkt sich Paul. Und dann hört er ein lautes KABUM. Alles schwarz um ihn. Ein Blinzeln und dann große, rot verzerrte, furchteinflößende Monsteraugen direkt vor ihm. In seinem Kopf wabert ein einziges Was-zur-Hölle-soll-das-Bin-ich-in-der-Hölle-oder-ist-es-vielleicht-ein-Traum-Kann-mich-hier-jemand-bitte-rauszwicken?! Ein Mund taucht unter den Augen auf und macht ihnen in seiner Schrecklichkeit Konkurrenz. Spitze, abgebrochene Zähne stehlen sich zwischen die Blutverschmierten Lippen hervor. Der Mund öffnet sich. Paul erwartet ein Brüllen, doch heraus kommt ein: „T’schuldigen Se bidde die Störung, wo isn hier die Tolette? Bin zum erschten Mal ‚of de Erde.“

Du siehst, ich habe mir wirklich keine Mühe gegeben und würde diesen Text ganz sicher nicht veröffentlichen, wenn es dieser spezielle Kontext hier nicht erfordern würde. Wenn es dir Mut macht oder du vielleicht etwas Spaß beim Schreiben hattest, dann schreib doch deinen Schrecklichsten Text einfach in die Kommentare. Ich würde mich freuen!

 

Number two.

Wie wäre es mit einer Assoziationskette? Diese Übung ist wirklich sehr leicht und lässt sich auch nur mit wenig Zeit gut zwischen durch erledigen. Schreib einfach ein Wort auf, das dir gerade in den Sinn kommt, zum Beispiel: Zettel. Such nicht lange, nimm einfach einen Gegenstand oder eine Farbe, die sich in deinem direkten Sichtfeld befindet. Danach geht es ähnlich weiter. Du überlegst kurz, welche Tätigkeiten, Eigenschaften, Erinnerungen oder Gefühle du damit verbindest und das erste Wort, das dir einfällt, schreibst du dann auf. Das könnte circa so aussehen:

Zettel – Falten – Papierflieger – Lilienthal – Schwarz-Weiß – Krimi – Revolver – alte Frau – Charme – Gold – Diadem – Prinzessin – Teenager – Mobbing

Niemand muss dabei nachvollziehen können, wie deine Gedankengänge waren. Es geht sogar darum, unerwartete Sprünge zu machen und Verbindungen zu schaffen, wo eigentlich keine sind.  Du trainierst damit deine Improvisationskünste und gleichzeitig erweiterst du deine Denkmuster. Umso öfter du Assoziationsketten übst, desto leichter wirst du während des eigentlichen Schreibens auf neue Ideen kommen oder auch einfach nur die richtigen Worte schneller finden.

 

Number three.

Die nächste Übung eignet sich, wenn einem vor allem der Anfang eines Textes so viel Kopfzerbrechen bereitet, dass er zu einer unüberwindbaren Hürde wird. Schlag dazu ein x-beliebiges Buch auf und schreib ein paar Zeilen heraus, die dir zusagen. Das geklaute Textstück wird der Anfang deines Übungstextes. Wichtig ist natürlich, dass du noch nicht weißt, wie es weiter geht, sonst bist du in deiner Ideenfindung eingeschränkt. Finde einen Weg, die geklauten Zeilen sinnvoll fortzusetzen. Du kannst mit dieser Übung deine Schreibfähigkeiten immer genau dann trainieren, wenn du gerade keinen genialen Einfall zu einem neuen Text hast. Durch die aus dem Weg geräumte Hürde wirst du mehr Spaß am Schreiben haben und dein positives Schreiberlebnis führt zu neuer Motivation. Außerdem ist es zu schön sich nach dem Schreiben anzuschauen, wie der eigentliche Text aussah. Hierbei gibt es kein besser oder schlechter; nur ein ‚Anders‘. Und wer weiß, vielleicht gefällt dir dein eigener Text ja sogar mehr als das Original. Probier das Ganze doch auch mal mit Gedichten.

Hier noch ein kleines Beispiel für einen möglichen geklauten Text:

„Ich weiß nicht, was er sich dabei dachte. Wahrscheinlich glaubte er, er hätte mich ausgenockt, und wollte mir jetzt die Pille versüßen! Du armer Arsch! Der Mann tat mir leid. Ich ließ ihn gehen.“

Das Zitat stammt aus „Die neuen Leiden des jungen W.“ von Ulrich Plenzdorf. Ein sehr schönes Buch, aber bitte nicht lesen, bevor du dir überlegt hast, über wen sich der Protagonist hier aufregt. Ist es vielleicht sogar eine weibliche Hauptperson? Haben die beiden sich zuvor gestritten und wenn ja, worüber? In welchem Verhältnis stehen sie? Hat unsere liebe Hauptperson den benannten Mann zuvor respektiert und tut es nun nicht mehr? Und was könnte dazu geführt haben? Je mehr die Geschichte von der eigentlichen abweicht, umso besser, denn dann kannst du sie wirklich dein Eigen nennen.

 

Number four.

Somit also die letzte Übung für heute. Ich habe beim Schreiben oft meine Schwierigkeiten damit, mich kurz zu fassen. Wenn es dir genauso geht, ist die nächste Übung perfekt für dich. Es geht hier nämlich genau darum, die Dinge auf den Punkt zu bringen. Gegeben ist ein Limit von drei Worten, mit denen du etwas beschreiben musst. Theoretisch kannst du dir jedes erdenkliche Thema raussuchen, aber das wäre dann vielleicht doch ein wenig zu leicht. Deshalb fang doch am besten damit an, deinen gesamten Tag in drei Worten zusammen zu fassen. Für meinen heutigen Tag würde das so aussehen:

Aufregung. Grau-blau. Gesprächsauflauf. 

Wiederhol das ein paar Mal und du wirst merken, dass du immer öfter in der Lage bist, Worte zu finden, die mehr als nur ihre offensichtliche Bedeutung in sich tragen. Erschaff neue Worte, mit denen du trotz des Limits ganz viel erzählen kannst. Wenn dir deine Tage zu eintönig werden, dann probiers doch mal mit dem Charakter deiner Freunde. Glaub mir, das ist verdammt schwer!

 

Ich hoffe, du hast ein wenig Spaß bei diesen Übungen oder kannst Anregung für deine eigenen Schreibstrategien mitnehmen.

Bis zum nächsten Mal wünsche ich deshalb: Gutes Gelingen!