Was versteckt sich eigentlich hinter den Sternen? Und wo hören Träume auf? – Eine Kurzgeschichte

Entspannt auf der alten Parkbank sitzend schaust du in meine Richtung, erwartest mich schon und schenkst mir ein schiefes Lächeln, als ich näher komme. Ich erwidere es automatisch und mehr braucht es nicht, um diese Bank einmal mehr unser Zuhause werden zu lassen. Das Holz an den Rändern ist schon aufgequollen, doch das stört uns nicht, denn von hier hat man einen guten Ausblick. Die Nacht ist noch jung und ich bin dankbar für die dunkle Geborgenheit, die sie uns schenkt.

Ich setze mich zu dir und streife meine abgenutzten Schuhe von den Füßen. Als ich dich ansehe, hängt dein Blick bereits selig an dem Zelt aus Sternen, das sich über uns ausgebreitet hat. Ich lege den Kopf in deinen Schoß und kann mich nicht entscheiden, lieber dich oder die Sterne zu betrachten. Du bist schön. Nicht unbedingt auf die Weise schön, wie es die Mädchen definieren würden, die sich auf der Straße nach jungen Männern umdrehen. Für mich bist du anders schön. Schön wie ein zerlesenes Buch, das seine Geschichte mit Menschen geteilt hat, die es nie wieder loslassen wird.

Die Dunkelheit um uns herum hat alle Farben verschlungen, aber ich kann das Glitzern in deinen Augen trotzdem sehen, weil ich weiß, dass es da ist. Du hast mal gesagt, hinter den Sternen versteckten sich Geschichten. ‚Was denn für Geschichten?‘, habe ich dich gefragt, doch dein breites Grinsen wollte mir keine Antwort geben. Du hast mal gesagt, die Sterne sähen aus wie Lichterketten, die der Himmel aufhängt, damit wir den Weg zurück nicht verlieren. Du hast mal gesagt, du liebtest die Sterne, weil sie so weit weg sind. Und dann hast du mich gefragt, was ich lieben würde. Ich habe geschwiegen und mir gewünscht, wir wären so weit entfernt wie die Sterne – gemeinsam.

In der vorlauten Stille höre ich dumpf dein Herz schlagen. Ich möchte dich fragen, wem es gehört, doch ein bloßer Gedanke durchbricht unsere Ruhe nicht. Was sich in meinem Kopf noch federleicht anfühlt, wird auf der Zunge schwer wie Blei und findet niemals den Weg zu dir. Ich versuche, die Worte runterzuschlucken, doch sie explodieren in meinem Kopf und aus der seichten Stille wird ein grelles Feuerwerk. Wie viel können unausgesprochene Worte zerstören? Wie laut kann ungewollte Stille sein?

Deine Finger streichen gedankenverloren über meinen nackten Arm und wischen alles weg. Ich spüre deine Wärme und wie sie langsam mein kleines Herz auftaut. Du riechst nach Kiefernnadeln und salzigem Schweiß und ich weiß, dass ich dir – trotz all der Unbeständigkeit – immer etwas bedeuten werde. Ich atme unsere Vertrautheit mit vollen Zügen ein und denke an das, was wir schon alles zusammen erlebt haben. Das alte T-Shirt, das du noch immer trägst, habe ich damals geklaut und dir geschenkt, als ich dich das erste Mal getroffen habe. Manchmal, da kann ich nicht unterscheiden zwischen dem, was wir einmal waren, dem, was wir sind, und dem, was wir sein wollen. Fließt die Zeit tatsächlich nur geradeaus? Die Gedanken in meinem Kopf spielen Fangen – nur, dass sie die Regeln nie gelernt haben. Aber am Ende bleibt eine Frage übrig: Wer sind wir heute Nacht?

Manchmal halte ich uns für Wanderer, die sich nicht an etwas festklammern. Wir sind frei, wir treiben lose in der Welt herum. Vielleicht ist das unsere Stärke, vielleicht aber auch unsere Schwäche.
Wenn ich dich ansehe, weiß ich, dass du gerade hinter den Sternen nach Geschichten suchst; nach Geschichten und Antworten für dein Leben. Du wirst niemals aufhören, nach ihnen zu suchen, auch wenn du dafür ein zweites Universum durchqueren müsstest. Vermutlich ist das Suchen ein Teil von uns. Wir erweitern unsere gemeinsame Welt mit jedem Meter, den unsere Gedanken vorwärtsstreifen. Und auch wenn ich nicht verstehe, was du hinter den Sternen findest, stört mich das nicht. Denn das ist das Schöne am gemeinsamen Schweigen: Wir gehen beide auf Reisen und haben doch einander, an denen wir uns festhalten können, um den Weg zurück nicht zu verlieren.

Ich schließe die Augen und genieße die laue Sommernacht. Manchmal ist die Realität alles, was wir brauchen, um daran zu glauben, dass Wünsche wahr werden können. Ich spüre, wie du dich bewegst und schlage die Augen wieder auf. Zärtlich streichst du mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht und siehst mich an. Dein Blick versucht, mir von deiner Reise durch den klaren Sternenhimmel zu erzählen. Ein Lächeln schleicht sich auf mein Gesicht und du entspannst dich, weil du begreifst, dass deine Gedanken bei mir sicher sind. Du öffnest leicht die Lippen, als würden die Worte wie von selbst aus deinem Mund sprudeln wollen. Einen Augenblick noch überlegst du, bevor du flüsternd fragst:

„Siehst du, wie die Träume der Menschen leise über die Stadt fliegen?“

Ich sehe dich an und vielleicht ist mein Blick jetzt genauso leer wie deiner.

„Was bleibt noch übrig von den Menschen, wenn ihre Träume verloren gehen?“

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